Samstag, 27. Februar 2016

Auch Wahnsinn!

Ein befreundeter, ehemaliger Kollege, Oberstudienrat für Deutsch an einem Gymnasium in NRW, beklagte sich bei mir, er habe gerade nach der Korrektur von 56 Klassenarbeiten für eine sogenannte "Lernstandserhebung" pro Schüler 118 Kreuzchen in jeden Bewertungsbogen machen müssen. Das seien insgesamt 6608 (in Worten: sechstausendsechshundertacht) Kreuzchen und die müsse er nun noch alle in den Schulcomputer von Hand eingeben. Er war der Verzweiflung nahe.

Ich riet ihm, das doch zu seinem eigenen Schutz zu torpedieren. Er solle sagen, das sei Sachbearbeiterarbeit und dafür sei er nicht ausgebildet. Er könne auch jeden Schüler in allen Punkten mit Eins bewerten, das mache die Eingabe leichter. Er solle Sand ins Getriebe streuen, mehr Konfliktfreude entwickeln um diesen Wahnsinn zu stoppen. Er solle sich nicht verbiegen (lassen).

Man muss dazu wissen, dass er 25 Wochenstunden a 45 Minuten Unterricht gibt, von denen jede einzelne wissenschaftlich und pädagogisch exakt vorbereitet werden und durch Analyse des Lernerfolgs, aber auch Nacharbeit durch Korrektur von Hausaufgaben auf ca. zweieinviertel Stunden erweitert werden muss. Das ergibt schon ca. 56 Stunden Wochenarbeitszeit.

Hinzu kommen bei ihm 56 Klassenarbeiten der Mittelstufe dreimal im Halbjahr. Jede einzelne davon bedarf ca. 30 Minuten Korrekturzeit. Das sind 84 Stunden zusätzlich.

In der Oberstufe fallen bei ihm zweimal 43 Klausuren pro Halbjahr an. Die Korrektur ist hier deutlich aufwändiger. Sie umfasst ca 1,5 Stunden pro einzelner Klausur. Es kommen ca. 64 Stunden hinzu. Aufs Jahr gerechnet sind das ca. 240 Stunden zusätzlich, die in der Unterrichtszeit von ca. 40 Wochen anfallen. Auch die Schulferien reichen für einen Gymnasiallehrer mit Korrekturfächern oft nicht aus, um seiner Belastung außerhalb des Unterrichts gerecht zu werden. Sonn- und Feiertage sind meist mit Korrekturen belegt und ein Familienleben leidet.

Konferenzen, Elterngespräche, Abiturprüfungen und stets mehr werdender bürokratischer Mist kommen hinzu.

Ich bin froh, dass ich schon lange aus diesem menschenverachtenden System heraus bin, das mich krank gemacht hat. Und da glaubt noch jemand, dass man darin anständig Kinder erziehen kann, die aus zunehmend schwieriger werdenden Familienverhältnissen stammen und für die man oft genug noch als Sozialarbeiter fungieren muss, wofür man auch nicht ausgebildet ist.

Und dann noch 6608 Kreuzchen oben drauf, denen 6608 Korrekturentscheidungen zugrunde liegen.

Meinem Freund konnte ich nicht viel Mut machen.




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